Digitalisierung in der Tankstelle: 5 Fragen an Jens Stolte

5 Fragen

In dieser Folge unserer Serie „5 Fragen an...“ sprechen wir mit Jens Stolte von stolte consult. Jens Stolte ist u.a. Initiator des UNITI Cards und Automations Forums, das jährlich in Hamburg stattfindet. Er ist ausgewiesener Fachmann für Digitalisierungsthemen in der Tankstellenlandschaft.

Was bedeutet für Sie das Schlagwort Digitalisierung in Bezug auf die Tankstelle und speziell in Bezug auf den Shop?

Digitalisierung stellt in Bezug auf die Tankstelle, bzw. die Tankstellenbranche heute kein Schlagwort mehr dar, sondern vielmehr einen realen Veränderungs- oder besser sogar noch einen Transformationsprozess des Geschäftsmodells dar. Dieser läuft z.B. mit der Digitalisierung des Vertriebsprozesses von Kraftstoffen, dem sog. Mobile Fueling, bereits sichtbar und bei einer ganzen Reihe von Mineralölfirmen von groß bis klein mit deren eigener, oder Fremdanbieter Tank-App erlebbar ab. Dahinter steht natürlich der Gedanke der Notwendigkeit einer verstärkten Marken- und Kundenbindung in einem schrumpfenden Kraftstoffmarkt, der natürlich erst recht und zeitgemäß abbildbar wird, wenn man auch die Kundendaten und das Kundenverhalten kennen lernt und dies ist quasi nur auf einer digitalen Basis möglich.

Zusätzlich wird diese Entwicklung natürlich auch durch die gegenwärtige Entwicklung der Mobilität getrieben, denn E-Laden für BEV´s oder Hybrid Fahrzeuge ist nur noch digital möglich und wird in Zukunft sicher auch ein Teil des Energiemixes auf Tankstellen sein.

Betrachtet man in dieser Hinsicht spezifisch den Tankstellen Shop, so wird hier sicher künftig das grundlegende Prinzip des „Retail on Demand“  platz greifen, wobei dies aus meiner Sicht eine Vielzahl von Chancen und Potentialen zur Entwicklung und Zukunftsgestaltung des jeweiligen Standortes, als auch der Werthaltigkeit von TS-Netzen eröffnet, vorausgesetzt man geht dies offensiv mit neuen Konzepten und Angeboten für Kunden auf digitaler Basis an. Und dies bereits aus dem Fahrzeug heraus, oder ggf. auch in Kooperationen mit Anbietern für die die Tankstelle dann zum „Pick-up-Point“ wird. Entscheidend wird auch hier die Relevanz für den Kunden und die Reichweite des Angebotes am jeweiligen Standort sein, denn alle bisherigen digitalen Geschäftsmodelle die in diesem Zusammenhang bislang überhaupt eine Wirtschaftlichkeit erzielt haben, waren aus meiner Erfahrung von einer nur geringen Marge und somit der Notwendigkeit für eine hohe Skalierung auf Seiten der Endkunden gekennzeichnet.

Welche digitale Entwicklung in der Tankstelle war aus Ihrer Sicht ein Quantensprung für die Arbeit des Tankstellenbetreibers?

Hier ist aus meiner Sicht mit weitem Abstand die in der Branche als sog. TS- Automation bezeichnete Entwicklung  zu nennen die Ende der 80er Jahre begann und dann in den 90er Jahren die Geschäftsprozesse des physischen Peilens von Kraftstoffbehälterinhalten durch Inhaltssonden und deren vernetzte Anbindung erübrigte, genauso wie das An- und Einbinden von Preismasten, welches das auf die „Leiter Klettern“ ersetzte um am Preismast die Preise zu ändern, bis hin zur Integration all dieser Funktionen von der separaten Zentralsteuerung für die Säulen und der Kartenterminals für unbare Zahlungen in einem integrierten Tankstellenmanagementsystem nebst Warenwirtschaft.

Was sollte der Tankstellenmittelstand hinsichtlich der Digitalisierung beachten?

Für den Tankstellenmittelstand gilt insbesondere im Zuge der Digitalisierung eine deutlich stärkere Markenbekanntheit und spezifische (Kunden)-Relevanz unter Ausnutzung regionaler Besonderheiten zu erlangen. Da dies in der Regel nicht über ein einheitliches Branding und bundesweite TS Netze sowie eine entsprechende Abdeckung der Republik möglich sein wird, sind hier die Schaffung gemeinsamer Standards und darauf aufbauender Kooperationen von immenser Bedeutung, ggf. auch die Nutzung oder Einbindung von digitalen Plattformpartnerschaften mit denen Kundenreichweite, ohne jedoch den Verlust der digitalen Kundenschnittstelle hin zu nehmen, erzielt werden können.

Hier wäre gegenwärtig nach meiner Einschätzung sogar eine gemeinsame und koordinierte Initiative aller Mittelstandsunternehmen notwendig, will man hier nicht in einen kaum aufholbaren Rückstand gegenüber globalen Marktteilnehmer geraten, denn in dem Moment wo ein Position im Zuge der Digitalisierung im Kundenverhalten erst einmal signifikant besetzt worden ist, ist es kaum möglich diese wieder für sich zu drehen. Ein in diesem Zusammenhang im übertragenen Sinne recht anschauliches derartiges Beispiel ist zum Beispiel Paydirekt als Mittel der deutschen Banken und Sparkassen zum Bezahlen im Internet, dem es trotz erheblicher Anstrengungen nicht wieder gelingt die einmal hier von Paypal erlangte Position wieder abzuschmelzen, da sich die über 20 Millionen deutschen Nutzer an das Verhalten einmal gewöhnt haben.

Glauben Sie, es kommt zu einer flächendeckenden Vernetzung zwischen Fahrzeug und Tankstelle - und wenn ja, mit welchen Auswirkungen?

Die Marktdurchdringung von Fahrzeugen mit einer Connectivität steigt immer weiter an und dies nicht nur durch die Neufahrzeuge eines jeden Jahres, die mittlerweile fast ausnahmslos eine Verbindung in die „Cloud“ aufweisen, sondern vielmehr auch über sog. Retrofit- oder Dongle-Lösungen bei denen über eine Hardware die man in die genormte Serviceschnittstelle eines jeden Fahrzeugs einbringt, oder über ein sog. Mirroring, sprich das „spiegeln“ des eigenen mobil Devices im Fahrzeug eine Internetverbindung aufgebaut wird. Vor diesem Hintergrund werden die Fahrzeuge alle künftig zu einer sog. IoT-Plattform von der aus, die unterschiedlichsten Anwendungen aus gestartet und ausgeführt werden können. Dies hat bereits mit fahrzeugnahen Diensten begonnen und wird sich jedoch im Zeitablauf weiter fortsetzen und am Ende soweit gehen, das ich den elektronischen Einkaufszettel, erstellt von meinem vernetzten Kühlschrank in das Auto übertragen bekomme und diesen an eine Tankstelle auf dem Weg zu meiner Arbeitsstätte übertrage, um dann am Abend auf dem Rückweg hier meine Bestellung/Einkauf entgegen zu nehmen. In derartigen Szenarien liegen jedoch genau die Chancen der Digitalisierung, die es jetzt gilt für ein künftiges Geschäftsmodell anzugehen.

Was ist das nächste „große Ding“ im digitalen Tankstellenumfeld?

Ich glaube es gibt nicht das eine „große Ding“, zumindest würde ich persönlich nicht behaupten wollen dies gegenwärtig zu kennen. Ich bin vielmehr der Überzeugung das es derzeit eine Mehrzahl klarer und eindeutige Fakten und  Trends im Zuge der Digitalisierung und der Wandlung der Mobilität bis hin zu den Fahrzeugen selbst gibt und  es insofern eher eine Aufgabe der strategischen Evolution ist diese aufzugreifen und auf die Tankstelle und das Geschäftsmodell für die Zukunft zu antizipieren.
Dies jedoch unter Nutzung der Möglichkeiten die sich aus der Digitalisierung ergeben und mit einem deutlich veränderten Bewusstsein und einer gewandelten Managementattitüde auch mit  „minimum viable products“ früh in den Markt zu gehen, um sie dann schnell aufgrund der Erfahrungen zu entwickeln und zu etablieren, oder ggf. auch wieder zu verwerfen, wenn sich gezeigt hat das sie ggf. nicht tragfähig waren. Dies setzt jedoch auch in jedem Fall einen digitalen Wandel im Bewusstsein im Unternehmen und bei den beteiligten Personen im Hinblick auf einen Umbruch der Denk- und Handlungsweisen voraus.

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