Globale Convenience Trends: 5 Fragen an Mark Wohltmann

Globale Convenience Trends: 5 Fragen an Mark Wohltmann

Mark Wohltmann (Director Europe, NACS) ist in seiner heutigen Rolle verwantwortlich für die strategische Entwicklung von NACS in Europa, mit der Zielsetzung NACS‘ Handels- und Industrie Mitglieder in Europa und weltweit zu unterstützen; durch Wissensvermittlung, Netzwerkbildung und Interessenvertretung von und für Europa. Herr Wohltmann ist seit 16 Jahren im Beratungs- und Marktforschungsbereich tätig, mit einem starken Fokus auf FMCG/CPG und Handel. Vor NACS arbeitete er bei Nielsen als „Director Product Management Europe“. Davor war Herr Wohltmann bei USP Market Intelligence tätig, wo er eine maßgebliche Rolle beim Aufsetzen des größten deutschen Convenience-Handelspanels spielte. Zuvor entwickelte er bei ComberaMarketing- und Vertriebsstrategien für FMCG Hersteller, die in den Convenience Sektor eintreten wollten.

 

Wir interviewten Mark Wohltmann und haben ihm 5 Fragen zu globalen Convenience Trends gestellt.

MCS Team: Sie sind im globalen Convenience Markt unterwegs. Welches sind die international gleichen Problemstellungen?

Mark Wohltmann: Wir führen jährlich eine Befragung unserer internationalen Mitglieder in über 50 Ländern durch („NACS Global Issues Lifecycle Survey“), in der wir u.a. die „Was lässt mich nicht schlafen“-Frage stellen. Also die Frage nach dem einen strategischen Thema, welches alle Geschäftsleitungsmeetings und Strategiepapiere beherrscht. Als wir damit anfingen erwarteten wir, dass, wenn wir hunderte oder tausende Mitglieder befragen, wir dann auch hunderte oder tausende von verschiedenen Antworten erhalten. Es zeigte sich jedoch, dass sich unsere Branche weltweit den gleichen Problemen/Herausforderungen/Chancen stellt, diese aber im jeweiligen Land unterschiedlich weit entwickelt sind.

Nehmen Sie die Tabakregulierung als Beispiel. Ein strategisches Thema für Convenience-Händler, welches alle Händler auf der Welt gleichermaßen beschäftigt. Allerdings ist dieses Thema z.B. in Australien oder Kanada weiter ausgereift als z.B. in China oder Russland. Oder elektrische Fahrzeuge: In Norwegen ist über die Hälfte der Neuzulassungen elektrisch, während andere Länder hier in den absoluten Kinderschuhen stecken.

In unserer letzten Befragung kamen somit weltweit nicht hunderte, sondern exakt 34 Probleme/Herausforderungen/Chancen heraus. Das brennendste Thema, das weltweit angeführt wird, ist „Destination Convenience“: Die Fragestellung in Zeiten langer Öffnungszeiten, e-Commerce und Überall-Erhältlichkeit von Konsumgütern, was ein Convenience Geschäft anbieten muss, um zu einer Destination für den Konsumenten zu werden (oder zu bleiben), statt „nur“ ein stop-over oder Notkaufgeschäft zu sein. Wenn Sie mit dem Elektroauto nicht mehr tanken fahren müssen, wenn Sie auch die Notkaufartikel online bestellen und in 1 Stunde liefern lassen können: Was ist ihr Grund ein Convenience-Geschäft aufzusuchen? Oder aus Handelssicht: Was ist ihr Frequenzbringer? Die Hauptantwort hierauf dreht sich weltweit rund um das Verweil-Angebot: Vielfältigere Foodservice-Angebote, gesunde Alternativen, Angebote im Restaurant-Stil / Bistro-Stil / Fast-Food-Stil: für jeden etwas, Angebote für Co-working Plätze für all uns „digitale Nomaden“, weitere Serviceangebote und am Ende einfach ein Ort, zu dem ich bewusst hingehen will, nicht nur weil ich gerade tanken muss oder mir das Toilettenpapier ausgegangen ist…

Wie würden Sie den deutschen Convenience Markt hinsichtlich der Convenience Konzepte im Vergleich zum europäischen Ausland einordnen?

Ich stelle immer wieder fest, dass in Deutschland noch gerne vom „Nahversorger“, „Tante Emma Laden“, der „Tanke“ oder den „New Channels“ gesprochen wird, häufig dabei mit einem leichten Lächeln. Dabei braucht sich Deutschland auf keinen Fall zu verstecken, wenn es um Wettbewerbsfähigkeit oder Innovation im Convenience Markt geht. Und „new“ ist dieser „new channel“ nun auch schon lange nicht mehr. In keinem Land ist alles perfekt und jedes Land hat so seine Spezialitäten. Deutschland ist, wie viele Länder, weit hinter Norwegen, wenn es um Elektroautos geht. Und Self-Service-Checkout war in Großbritannien schon etabliert als dies in Deutschland noch nicht einmal auf der Tagesordnung stand.

Auf der anderen Seite bekomme ich nach Store Tours in Deutschland aber auch immer wieder von unseren Mitgliedern zurückgespielt, wie führend der Markt im Bereich des Backwarenangebotes, im Bereich der Frischwarenpräsentation und im Bereich der Operational Excellence ist. Auch in den Bereichen Supply-Chain-Logistics, Sustainability und HR Management wird Deutschland immer wieder als führend bezeichnet. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass im letzten Jahr zwei deutsche Händler bei unseren jährlichen, internationalen Convenience Awards gewonnen haben: Sowohl der „NACS Convenience Retail Sustainability Award“ als auch der „NACS Honorable Mention Award Small Formats“ gingen im letzten Jahr nach Deutschland.

Was sind Ihre drei „Lieblingskonzepte“ im europäischen Ausland und was zeichnet sie aus?

Wie bei Ländern so ist es auch bei Händlern: Ich denke keiner macht 100% alles richtig. Aber es gibt eine Menge Händler, die eine hervorragende Idee excellent umgesetzt haben. Unsere Mitglieder profitieren hier regelmäßig von unserem „NACS Convenience-Briefing“, einer Präsentation aktueller Trends, Innovationen und best practices aus der ganzen Welt. Wenn ich hier 3 herauspicken muss, dann sind dies wohl aktuell:

Repsol on, Spanien→ Ich glaube Repsol ist momentan vom Shop-Design-Standpunkt mein Favorit. Helle Räume, Sanfte Farben, Eine Warenpräsentation, die mehr einem Fachmarkt enspricht und Verweilzonen zum Entspannen und „Auftanken“. Sicher nicht ein Konzept, das überall funktioniert, aber eines, das sich auf die neue Art von Konsument fokussiert hat: Dem „always on“ Konsumenten, der einfach einen Ort und Zeit zum Erholen braucht.

Maxol Autobahnraststätte, Mulhuddart, Irland→ Wenn wir über „Destination Convenience" sprechen, dann denke ich, dass Maxol dies sehr erfolgreich mit der Raststätte in Mulhuddart umgesetzt hat. Nicht nur ein „stop-over“ an der Autobahn, sondern die Kunden kommen hierher bewusst und zielgerichtet, um zu essen oder sich zu treffen. Hier sehen Sie Familien, Geschäftsleute, jüngere Menschen, ältere Menschen. Mit einem sehr diversen Angebot an Speisen, verschiedenen Foodservice-Marken, Kinderspielräumen, etc. ist dies sicher momentan mein Favorit. Nicht zuletzt hat Maxol mit diesem Konzept auch den 2017 „NACS Honorable Mention Award Large Formats“ gewonnen.

Reitan 7 Eleven, Dänemark→ Das Thema „gesündere Alternativen“ ist eines, welches unsere Branche sehr beschäftigt. NACS und die amerikanische Convenience Retail Industrie haben im letzten Jahr eine Kooperation mit Michelle Obamas Gesundheitsinitative geschlossen und unser Sektor hat von der früheren First Lady sehr viel Lob für die Anstrengungen in diesem Bereich erhalten. Ein Blick auf 7 Eleven in Dänemark zeigt, wie man mit einer Ausweitung an gesunden Alternativen nicht nur neue Zielgruppen erschließt, sondern hierbei auch noch höchst profitabel wird.

Welche erfolgreichen Elemente internationaler Convenience Konzepte sollten deutsche Shopbetreiber unbedingt für ihren Shop übernehmen?

Ein Element unseres angesprochenen “Global Issue Survey’s” ist, dass man sehen kann, in welchem Land ein bestimmtes strategisches Thema weit oder weniger weit entwickelt ist. Dies ist auch insofern relevant und hilfreich, dass man i.d.R. „best practice“ in Ländern findet, die in diesem Thema weit entwickelt sind: Händler haben über Jahre viel ausprobiert und heute weiß man, was am besten funktioniert. In weniger entwickelten Märkten findet man hingegen mehr Innovation: hier ist das Thema noch neu und es wird viel ausprobiert.

Ein solches „best practice“ Element ist auf jeden Fall die Reduktion von Friction, also Reibung, im Verkaufsprozess durch Nutzung von Technologie. Sei es das Bezahlen an der Zapfsäule, das kontaktlose Bezahlen an der Kasse, das In-Store-Bestellen per montierten Touchscreens oder die Online Order zum Pick-up im Geschäft. Der Einsatz von Technologie hat in hierin weit entwickelten Ländern gezeigt, dass unnötige „Reibung“ vermieden werden kann und frei werdende Personalressourcen besser eingesetzt werden können. Nämlich dort, wo Reibung erwünscht ist, z.B. in der Stammkundenansprache oder als Gastgeber, nicht Verkäufer, im erweiterten Foodservice Bereich.

Im Bereich der Innovation würde ich mein Augenmerk auf den Bereich des Co-Workings und die sogenannten „digitalen Nomaden“ richten. Unsere Arbeitsplatzwelt verändert sich schnell, mehr und mehr Büro-Tätigkeiten sind nicht mehr Standort-gebunden, sondern Internet-gebunden: Sie benötigen ein Mobiltelefon, einen Laptop, einen Platz zum Sitzen mit WiFi und gutem Kaffee… Und die Ausrichtung der jüngeren Generationen in Hinsicht auf die „sharing economy“ fördert dies nur noch: Warum einen Arbeitsplatz-Schreibtisch „besitzen“, wenn man ihn doch zeitweise flexibel „mieten“ kann. Hierzu finden sich unzählige, gute Beispiele von Händlern, die hier mit verschiedensten Angeboten Innovation betreiben.

Von welchem Sortimentstrend aus dem Ausland wünschen Sie sich den Sprung in die deutschen Convenience-Shops?

Ich denke der wichtigste Aspekt der Sortimentsplanung ist der Standort. Das Gießkannenprinzip des bundesweiten Standard-Sortimentes hat schon lange ausgedient. Relevant ist es, seine Kern-Zielgruppe pro Standort zu kennen und deren Bedürfnisse zu befriedigen. Daher ist es nahezu unmöglich, eine Empfehlung für alle Geschäfte auszusprechen. Nichtsdestotrotz gibt es zwei Trends, die ich global sehe, welche auch an entsprechenden Standorten in Deutschland verstärkt gespielt werden können.

  • Gesundheits-/Pflege-/Schönheitsprodukte: Dieser Markt an sich ist gigantisch in seiner Größe und unser mobiler Lebenswandel sorgt für einen stetig vergrößerten Bedarf an „Pflege on the go“. Und das geht weit über die Miniatur-Zahnpastatube und das Hand-Desinfektions-Fläschchen hinaus. Der Verkauf von Lippenstiften, Cremes, Make-up und anderen Artikeln zeigt in anderen Ländern, bei korrekter Umsetzung, ein hohes Potential. Und wer glaubt, dass „Beauty“ und „Tankstelle“ nicht zusammen passen, der sei daran erinnert, dass in der Vergangenheit auch geglaubt wurde, dass „Essen“ und „Tankstelle“ nicht passen oder dass Convenience-Geschäfte nicht authentisch Backwaren verkaufen könnten…
  • „Tabu-Themen“-Produkte: Es gibt eine Reihe von Produkten, die bisher nicht wirklich im Rampenlicht standen und über die so manch einer Unbehagen fühlt, wenn darüber gesprochen wird. Hierzu gibt es allerdings eine massive globale Veränderung: ein neues Selbstbewusstsein, offen zu kommunizieren über Themen wie sexuelle Gesundheit, Verhütung, geschlechtsspezifische Hygiene, etc. Mit wachsender Kommunikation kommt ein wachsendes Bewusstsein und dann ein wachsender Bedarf, diese Artikel auch im Convenience-Geschäft in ausreichender Breite und positiver Platzierung zu finden.

 

 

Weitere Informationen zu Mark Wohltmann finden Sie in seinem LinkedIn Profil.

Informationen zu Mitgliedschaft bei der NACS finden Sie unter www.convenience.org/international und Informationen zum Convenience Summit unter www.conveniencesummit.com.

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