Vor zwölf unter Druck, danach im Frequenzloch: Wie die 12-Uhr-Regel das Tankstellengeschäft verändert
Die 12-Uhr-Regelung verschiebt Kundenströme, erschwert die Personalplanung und setzt Shop- und Bistroerlöse unter Druck. Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Standort und Angebot. Entscheidend wird, wie Betreiber ihre Abläufe anpassen und zusätzliche Besuchsanlässe schaffen.
Noch schnell tanken, bevor der Preis steigt: Dieser Gedanke prägt seit Einführung der 12-Uhr-Regelung im April 2026 den Alltag vieler Tankstellen. Kunden verlagern ihre Tankstopps in den Vormittag. Kurz vor zwölf steigt der Druck auf Zapfsäulen, Kasse und Mitarbeiter. Anschließend wird es an vielen Stationen deutlich ruhiger.
Daniel Kaddik, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Freier Tankstellen und Unabhängiger Deutscher Mineralölhändler (bft), verweist auf die Mitgliederbefragung seines Verbands: 86,4 Prozent der befragten Unternehmen beobachteten ein erhöhtes Kundenaufkommen unmittelbar vor zwölf Uhr. 91,7 Prozent berichteten von geringeren Kraftstoffabsätzen danach.
„Dadurch entstehen künstlich erzeugte Frequenzspitzen vor 12 Uhr und danach bricht das Geschäft ein“,
sagt Kaddik. Insgesamt werde deshalb nicht zwangsläufig weniger getankt. Vielmehr veränderten sich Kundenfrequenz und durchschnittlicher Tankbon im Tagesverlauf.
Mehr Andrang bringt nicht automatisch mehr Ertrag
Für die Betreiber bedeutet diese Konzentration zunächst mehr organisatorischen Aufwand. Mitarbeiter müssen Spitzen bewältigen, während später teilweise Leerlauf entsteht. Eine gleichmäßige Auslastung wird schwieriger.
Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes (ZTG), sieht darin eine wirtschaftliche Schieflage. Die weit überwiegende Zahl der ZTG-Mitglieder erhalte eine preisunabhängige Provision je verkauftem Liter. Preisschwankungen veränderten diese Vergütung nicht.
„Der Betreiber hat damit im Kraftstoffbereich keinen Mehrertrag, muss jedoch die Vormittagsspitze personell und logistisch abfangen“,
erklärt Ziegner. Zusätzlichen Kosten stehe somit kein zusätzlicher Deckungsbeitrag gegenüber.
Bei Unternehmen, die Kraftstoffe auf eigene Rechnung verkaufen und ihre Preise selbst bestimmen, kommt nach Kaddiks Einschätzung ein weiteres Problem hinzu: Steigende Einkaufskosten am Nachmittag könnten erst am nächsten Mittag durch eine Preiserhöhung berücksichtigt werden. Dieses Preisrisiko müsse zunächst das Unternehmen tragen.
Wenn die Warteschlange den Zusatzkauf verhindert
Besonders kritisch wird es dort, wo der Andrang das Shopgeschäft ausbremst. Kunden sehen die wartenden Fahrzeuge und wollen ihre Zapfsäule möglichst schnell freigeben. Der zusätzliche Kaffee, das belegte Brötchen oder der spontane Snack bleiben dann aus.
„Kaum jemand traut sich, noch zusätzlich einen Kaffee oder ein Brötchen zu bestellen, wenn hinter ihm die Menge murrt“,
beschreibt Ziegner die Situation.
Auch Tina Wehncke, Regionalleiterin Tankstellengeschäft bei UNITI, beobachtet diesen Effekt. Insbesondere zwischen etwa 11.30 und zwölf Uhr könnten Zusatzverkäufe leiden, wenn sich Warteschlangen auf der Fahrbahn, an den Zapfsäulen und im Shop bildeten. Kunden hätten häufig das Gefühl, sich beeilen zu müssen.
Gunnar Koopmann, Vertriebsleiter Tankstelle beim MCS-Regionalpartner Bartels-Langness, bestätigt Veränderungen bei Kundenzeiten und Kaufverhalten. Neben dem engen Zeitfenster wirkten sich auch die hohen Kraftstoffpreise auf die Stimmung aus.
„Die Kunden sind merklich angespannter in ihrem Einkaufsverhalten. Für Pächter ist es deshalb umso wichtiger, Personalplanung und Verkaufsabläufe gemeinsam zu betrachten.“
Bistroverluste treffen einen zentralen Ertragsbereich
Aus dem bft-Mitgliederkreis berichtet Kaddik von teilweise deutlichen Umsatzrückgängen im Shop- und Bistrogeschäft, in Einzelfällen bis zu 50 Prozent. Besonders betroffen seien das Mittagsgeschäft, Kaffee und typische Convenience-Produkte.
Ziegner nennt noch stärkere Rückmeldungen: Der ZTG-Landesverband Schleswig-Holstein habe von Bistro-Umsatzrückgängen um 50 Prozent, in Extremfällen bis zu 80 Prozent berichtet.
Ähnliche Erfahrungen gebe es aus anderen Regionen. Diese Werte beziehen sich auf die geschilderten Fälle und sind kein bundesweiter Durchschnitt.
„Damit trifft die Regelung genau die Erlösquellen, aus denen die Betreiber ihren wirtschaftlichen Ertrag ziehen“,
warnt Ziegner.
Koopmann sieht zudem Auswirkungen auf klassische Shopwarengruppen: Süßwaren und Softdrinks hätten zuvor gerade am Nachmittag einen großen Anteil am Geschäft gehabt. Durch das Frequenzloch nach zwölf Uhr seien diese Sortimente nun entsprechend rückläufig.
Besonders gefährdet sind nach Ziegners Einschätzung kleinere Pächterbetriebe mit begrenzten Personalreserven sowie ländliche Stationen mit ohnehin dünnerer Frequenz. Standorte mit einem ausgeprägten Bistrogeschäft verlieren wiederum dort Umsatz, wo ein wesentlicher Teil ihrer wirtschaftlichen Stärke liegt.
Nicht jeder Standort verliert gleichermaßen
Die Rückmeldungen zeigen jedoch auch Unterschiede. Wehncke betont, dass weiterhin während der üblichen Pendlerzeiten getankt werde. Im Shopgeschäft seien je nach Standort sowohl Rückgänge als auch verschobene Einkaufszeitpunkte zu beobachten. Vor allem ein bereits eigenständig entwickeltes Gastronomieangebot kann stabilisieren:
„Wer jedoch schon vorher ein starkes Mittagsgeschäft - abgekoppelt vom Kraftstoffverkauf - entwickelt hatte, profitiert auch weiterhin davon“,
erklärt die UNITI-Regionalleiterin. Kunden, die abends oder am Wochenende gezielt zum Einkaufen kämen, täten dies in der Regel ebenfalls weiterhin.
Vor zwölf zählt ein schneller, einfacher Kauf
Für die Stoßzeiten empfehlen die befragten Fachleute vor allem klare Abläufe und leicht verständliche Angebote.
Wehncke setzt bei der Aufgabenverteilung an. Wenn ein Mitarbeiter ausschließlich Kaffee und Bistro bediene und ein anderer kassiere, könne das den Verkauf beschleunigen. Kunden hätten dann weniger das Gefühl, mit einer zusätzlichen Bestellung den Betrieb aufzuhalten.
Koopmann beginnt bereits an der Zapfsäule: Dort könne ein erstes Angebot Aufmerksamkeit schaffen. Entlang des direkten Kundenwegs zur Kasse sollten weitere gezielte Kaufimpulse folgen. Softdrinks, Süßwaren und eine Bistro-Zweitplatzierung sollten so angeboten werden, dass Kunden sie schnell erfassen und ohne längere Entscheidung mitnehmen können. Besondere Bedeutung habe die Kassenzone: „Hier haben wir die Aufmerksamkeit aller Kunden“, betont Koopmann.
Auch Patrick Wenk, Vertriebsleiter Convenience, vom MCS Regionalpartner Utz, empfiehlt Zweitplatzierungen von Getränken, Süßwaren und abgepackten Backshop-Snacks entlang des Kundenlaufs. Aktionsboxen seien eine ideale Möglichkeit, unmittelbar vor dem Bezahlen einen zusätzlichen Impuls zu setzen. Ein erkennbarer Preisvorteil könne zugleich die Kaufentscheidung erleichtern.
Am Nachmittag braucht der Shop eigene Anziehungskraft
Wenn der Kraftstoffpreis weniger Kunden anzieht, müssen andere Angebote den Besuch begründen. Wenk empfiehlt dafür gezielte Shopaktionen, etwa Kaffee zum Sonderpreis sowie Süßwaren- und Softdrinkaktionen.
Koopmann nennt ergänzend Meal-Deals im Bistro, eine Bistro-Tüte für den Feierabend oder Getränkeaktionen. Auch die Autowäsche könne mit einem Kaffee oder Brötchen kombiniert werden. Entscheidend sei, diese Angebote rechtzeitig bekannt zu machen:
„Machen Sie schon morgens Werbung für Ihr Nachmittagsangebot oder nutzen Sie Social Media, um Kunden anzusprechen.“
Dahinter steht eine grundsätzliche Aufgabe, die Wehncke formuliert:
„Es wird immer wichtiger, den Standort losgelöst vom reinen Kraftstoffgeschäft zu entwickeln und zu stärken.“
Ein eigener Kundenstamm für Frühstück, Mittagssnack oder Einkauf macht das Geschäft weniger abhängig vom Zeitpunkt des Tankstopps.
Technische Umsetzung sorgt für zusätzlichen Druck
Neben den Verkaufsabläufen beschäftigt die Betreiber die technische Umsetzung der Preisänderung. Kaddik verweist auf die Kette aus Pricing- und Kassensystem, Zapfsäule, Preismast und Meldung an die Markttransparenzstelle.
Nach der bft-Befragung könnten nur 45,5 Prozent die Erhöhung an allen Stationen vollständig automatisiert exakt um zwölf Uhr umsetzen. 63,6 Prozent berichteten zumindest gelegentlich von zeitlichen Abweichungen zwischen den Systemen.
Der bft fordert deshalb die Abschaffung der starren Regelung. Mindestens notwendig seien technische Toleranzen, ein Sanktionsausschluss bei nachweisbaren Störungen oder fehlender Einflussmöglichkeit sowie ein behördlicher Hinweis vor einer Sanktion. Auch der ZTG verlangt die Rücknahme; bei Beibehaltung einer zeitlichen Vorgabe plädiert Ziegner zumindest für eine Verlagerung in die Abendstunden.
Während die Verbände politische Änderungen fordern, müssen Betreiber ihre Stationen im Alltag weiterentwickeln. Ziegner sieht die Grenzen betrieblicher Gegenmaßnahmen klar:
„Diese Maßnahmen können den Umsatzrückgang jedoch nur abmildern, nicht aufheben.“
Die Erfahrungen aus Großhandel und Verbänden zeigen zugleich, wo Handlungsspielraum besteht: schnelle Bedienung am Vormittag, einfach erfassbare Kaufimpulse und ein Shop- und Bistroangebot, das auch ohne Tankvorgang einen Besuch wert ist.
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